Wir alle wollen schnell sein. Stichwort: Business-Effizienz. In einer Welt, die sich ständig dreht, gilt Zögern oft als Schwäche. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Geschwindigkeit und Hektik.
In Arthur Conan Doyles Kurzgeschichte „How Watson Learned the Trick“ versucht Dr. Watson, die berühmten deduktiven Methoden seines Freundes Sherlock Holmes anzuwenden. Er beobachtet scharf, kombiniert logisch und präsentiert stolz seine Schlüsse.
Das Problem? Watson liegt bei jedem einzelnen Punkt falsch.

Inhalt
Wenn Plausibilität zur Falle wird
Watson sieht, dass Holmes sich nicht rasiert hat, und schließt auf einen stressigen Morgen. Holmes korrigiert: „Sein Rasiermesser ist beim Schleifen.“ Watson sieht einen Brief eines gewissen Barlow und vermutet einen Klienten. Holmes weiß: „Es ist die Terminerinnerung seines Zahnarztes.“ usw.
Was wir daraus lernen können: Nur weil eine Erklärung logisch klingt, muss sie nicht wahr sein. Im Projektalltag führen solche „Watson-Schlüsse“ z. B. zu folgendem Teufelskreis:
- Beobachtung: Die Sales-Zahlen sinken.
- Schnellschuss (Watson): „Das Marketing-Team performt nicht!“
- Aktion: Kampagnen werden gestoppt, Budgets umgeschichtet.
- Ergebnis: Chaos. Die eigentliche Ursache (z. B. ein technischer Fehler) bleibt unberührt.

Strategie statt Raterei: So kommt Klarheit ins System
Um echte Ergebnisse zu erzielen, müssen wir die „Watson-Falle“ verlassen. Mein Ansatz basiert auf vier Säulen, die den Unterschied zwischen bloßer Aktivität und echter Wirkung machen:
1. Kontext prüfen
Watson sah den Namen „Barlow“ und dachte, bei Holmes müsse es sich um einen Fall handeln. Er übersah, dass es auch andere Gründe für ein Schreiben geben kann.
Tipp:
- Vor Aktionisums und Schnellschüssen fragen: „Welche alternative Erklärung gibt es für diese Daten?“
- Confirmation Bias (Bestätigungsfehler), also die Tendenz, nur Informationen wahrzunehmen, die die eigene Hypothese stützen vermeiden [Kahneman2016 + Wason1960].
2. Daten statt Spekulation
Holmes stöhnte nicht über die Komplexität eines Falls, sondern über seinen frühen Zahnarzttermin. Vielleicht hatte er sogar Zahnschmerzen. Aber Vorsicht, das ist wieder nur eine nicht überprüfte Hypothese. Klarheit entsteht, wenn wir die „Störgeräusche“ eliminieren.
Methodik:
- Das Prinzip des „Slow Thinking“ nach [Kahneman2016] nutzen.
- Intuition (System 1) ist gut für den Alltag, aber für komplexe Business-Entscheidungen brauchen wir öfter die analytische Tiefe von System 2.
3. Strukturierte Schritte
Ein Schnellschuss ist kein Fortschritt, sondern nur eine Richtungsänderung ohne Kompass.
Vorgehen:
- Statt blindem Aktionismus etablieren wir klare Protokolle.
- Wenn Holmes das Haus verlässt, dann nicht „irgendwie“, sondern mit dem Ziel (Zahnarzt), das zum Problem passt.
4. „Holmes-Check“
Am Ende des Tages zählt nicht, wie beschäftigt wir waren, sondern ob das Problem gelöst ist.
Messbarkeit:
- Erfolg ist nicht das Gefühl von Produktivität, sondern die Veränderung des Ergebnisses. Vielleicht sogar eines harten KPI.
- Wenn der Zahnarzttermin erfolgreich überstanden ist (oder die Conversion-Rate steigt), war die Diagnose richtig.
Fazit: Zum Holmes des eigenen Unternehmens werden
Chaos entsteht meistens nicht durch Unfähigkeit, sondern oft durch voreilige Mustererkennung. Wir sehen, was wir erwarten zu sehen. Expertise bedeutet, den Moment innezuhalten, in dem Watson bereits losrennen würde, um die Fakten so lange zu drehen, bis sie ein zweifelsfreies Bild ergeben.
Weiterführende Quellen und Literatur
[Dobelli2025] Dobelli, Rolf: Die Kunst des klaren Denkens: 52 Denkfehler, die Sie besser anderen überlassen | SPIEGEL-Bestseller, 01.01.2025.
[Doyle1924] Doyle, Arthur Conan: How Watson Learned the Trick, 14.05.2017. / 1924
[Kahneman2016] Kahneman, Daniel: Schnelles Denken, langsames Denken, 01.01.2016.
[Wason1960] Wason, P. C.: On the Failure to Eliminate Hypotheses in a Conceptual Task, in: Quarterly Journal Of Experimental Psychology, Bd. 12, Nr. 3, 01.07.1960, [online] doi:10.1080/17470216008416717, S. 129–140.
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